Lei­ko Ike­mu­ra erhält den August-Macke-Preis 2008

Land­rat Dr. Karl Schnei­der hat am Sams­tag, 24. Janu­ar, in der Tauf­kir­che August Mackes den August-Macke-Preis des Hoch­sauer­land­krei­ses an Lei­ko Ike­mu­ra ver­lie­hen. Die Lau­da­tio hielt Dr. Pia Mül­ler-Tamm (K20K21 Kunst­samm­lung NRW).

Ike­mu­ra ist seit 1991 Pro­fes­so­rin für Male­rei an der Uni­ver­si­tät der Küns­te in Ber­lin. Sie lebt in Köln und Ber­lin. In ihrem die Male­rei, Skulp­tur und Zeich­nung umfas­sen­den Werk ver­schmel­zen Ein­flüs­se der asia­ti­schen und euro­päi­schen Kunst- und Gedan­ken­welt, wobei sich The­men wie die Ver­bin­dung von Mensch und Natur, die Flüch­tig­keit der kör­per­li­chen Erschei­nung und Fra­gen nach dem Ursprung her­aus­kris­tal­li­sie­ren.

In den Gemäl­den Lei­ko Ike­mu­ras tau­chen Figu­ren wie Erschei­nun­gen aus unde­fi­nier­ba­ren Räu­men auf, die von einer ande­ren Welt zu sein schei­nen und sich an der Schwel­le zwi­schen Bewusst­sein und Unter­be­wusst­sein bewe­gen. Ein sol­cher Zustand des Über­gangs wird eben­falls in ihren men­schen­lee­ren Land­schafts- und Hori­zont­bil­dern the­ma­ti­siert, die als Ursprungs­or­te ihrer Figu­ren und Wesen denk­bar sind.

In vie­len ihrer Zeich­nun­gen begeg­nen dem Betrach­ter Natur­ge­bil­de, aus denen Figu­ren wie Geis­ter her­aus­zu­wach­sen schei­nen, was einer Vor­stel­lung von der Ver­schmel­zung und Gleich­zei­tig­keit aller Wesen ent­springt. Das Trans­for­ma­ti­ve nimmt auch in ihren Skulp­tu­ren eine beson­de­re Stel­lung ein. Vor allem die Bron­zen und Ter­ra­kot­ta­fi­gu­ren sind durch ihre Wesen­haf­tig­keit cha­rak­te­ri­siert.

Bereits am 14. Novem­ber 2008 wur­de die Ent­schei­dung der Jury von Susan­ne Veltins, Inha­be­rin der Braue­rei Veltins, in einem Pres­se­ge­spräch bekannt gege­ben. Der Jury gehör­ten an: Dr. Pia Mül­ler-Tamm, (K20K21 Kunst­samm­lung NRW), Prof. Dr. Jean-Chris­toph Ammann (Kunst­be­ra­ter und Aus­stel­lungs­ku­ra­tor), Prof. Dr. Rai­ner Stamm (Kunst­samm­lun­gen Boett­cher­stra­ße Bre­men), Prof. Dr. Claus-Peter Busch­küh­le (Kunst­hoch­schu­le Gie­ßen), Chris­ti­ne Schle­ring-Ber­tels­mey­er (August-Macke-Kura­to­ri­um), Prof. Dr. Hel­mut Moc­za­la (August-Macke-Kura­to­ri­um), Georg Scheu­er­lein (HSK), Wer­ner Wolff (HSK) und Horst Viel­ha­ber (HSK).

Lei­ko Ike­mu­ra wur­de der Preis am  wur­de 1951 in Tsu in der japa­ni­schen Prä­fek­tur Mie, etwa 100 Kilo­me­ter öst­lich von Osa­ka gebo­ren. Mit 21 Jah­ren ver­ließ sie Japan, um ein Spa­nisch­stu­di­um in Sala­man­ca und Gra­na­da fort­zu­set­zen. Gleich­zei­tig begann Ike­mu­ra in einem Bild­hau­er­ate­lier plas­tisch zu arbei­ten. Von 1973 bis 1978 stu­dier­te sie Male­rei an der Aka­de­mie in Sevil­la. In rund 100 Ein­zel- und fast 140 Grup­pen­aus­stel­lun­gen seit 1979 hat sie welt­weit mit Gemäl­den, Zeich­nun­gen und Skulp­tu­ren gro­ße Aner­ken­nung gefun­den. 1987 ent­deck­te sie die Skulp­tur als ihr zen­tra­les Medi­um. Seit­her ent­ste­hen — zumeist weib­li­che — Figu­ren. Sie wir­ken, mäd­chen­haft und anmu­tig, als ob sie in der äuße­ren Bewe­gung inne­hal­tend der inne­ren Emo­ti­on, dem Schmerz, der Freu­de oder einem Traum­bild nach­lausch­ten. Spie­le­risch schwankt die skulp­tu­ra­le Form zwi­schen Figur und Gefäß, zwi­schen mensch­li­cher, tie­ri­scher und pflanz­li­cher Natur, und unter­läuft oder über­lis­tet damit die gewohn­heits­mä­ßig zupa­cken­den all­tags­prak­ti­schen Ord­nungs-kate­go­rien des Intel­lekts. So ent­steht ein eigen­stän­di­ger Bil­der­kos­mos, der von Wesen bevöl­kert ist, die ver­schie­de­ne Facet­ten der Natur in sich ver­ei­nen und als flüch­tig und wan­del­bar erschei­nen, da die fes­ten Gren­zen ver­flie­ßen. Sie machen sowohl die Angst vor dem Ver­lust kul­tu­rel­ler Iden­ti­tät als auch das Wis­sen um eine tie­fe­re Ein­heit mensch­li­cher Natur anschau­lich, ver­mit­teln zwi­schen den kul­tu­rel­len Wel­ten Euro­pas und Japans. Der inter­na­tio­nal aner­kann­ten Künst­le­rin wid­me­te die Köl­ner Kunst­mes­se 2002 eine Ein­zel­prä­sen­ta­ti­on im Rah­men der Son­der­schau „Skulp­tur”. Lei­ko Ike­mu­ra, viel­fach geehrt und aus­ge­zeich­net, lebt seit 1983 in Deutsch­land. 1991 wur­de sie als Pro­fes­so­rin für Male­rei an die dama­li­ge Hoch­schu­le der Küns­te, heu­te Uni­ver­si­tät der Küns­te, in Ber­lin beru­fen. Sie lebt heu­te in Ber­lin und Köln.

Zur Aus­stel­lung ein Text von Frau Dr. Moni­ka Wil­ler in der West­fa­len­post

Arns­berg. Es ist die hoch­ka­rä­tigs­te Aus­stel­lung moder­ner Kunst, die je im Sau­er­land zu sehen war. Das Sau­er­land-Muse­um Arns­berg zeigt bis zum 27. August eine umfang­rei­che Retro­spek­ti­ve der renom­mier­ten Künst­le­rin Lei­ko Ike­mu­ra, der ers­ten Preis­trä­ge­rin des neu­ge­schaf­fe­nen August-Macke-Prei­ses.

Lei­ko Ike­mu­ra, in Japan gebo­ren und seit 30 Jah­ren in Euro­pa lebend, beschäf­tigt sich mit dem Men­schen in der Land­schaft. Köp­fe und lie­gen­de Figu­ren, vor­zugs­wei­se von Frau­en, schwe­ben auf ihren groß­for­ma­ti­gen Bil­dern. „Es inter­es­siert mich, wie der Mensch im Raum erscheint und wie­der an der Schwel­le zum Ver­schwin­den ist“, erläu­tert Lei­ko Ike­mu­ra. In ihren neu­es­ten Arbei­ten geht um Köp­fe — oft mit tan­zen­den Haa­ren. „Was macht Indi­vi­dua­li­tät aus? Mich fas­zi­niert die Ver­schmel­zung von inne­rer und äuße­rer Land­schaft, das gilt auch zeit­lich. Altes und Neu­es, Frem­des und Ver­trau­tes: In Gesich­tern zeigt sich das bei­spiel­haft“, so die Künst­le­rin.

Das ehe­ma­li­ge Arns­ber­ger Adels­pa­lais aus dem Jahr 1605, das heu­te ein Muse­um ist, begeis­tert die Künst­le­rin als Aus­stel­lungs­raum. Der Wech­sel von licht­durch­flu­te­ten Sälen und klei­nen Kabi­net­ten, die dicken Mau­ern, Bögen und über­ra­schen­den Durch­brü­che haben sie dazu bewo­gen, eine Retro­spek­ti­ve aus ganz per­sön­li­chem Blick­win­kel zu gestal­ten. Gemäl­de kor­re­spon­die­ren mit Skulp­tu­ren, mit Aqua­rel­len und Foto­gra­fien. Aktu­el­le Wer­ke sind mit älte­ren kom­bi­niert. Dazu kom­men immer wie­der gezeich­ne­te Skiz­zen.

Künst­le­ri­sche Ver­ant­wor­tung

„Wir haben mit dem August-Macke-Preis ja eine gro­ße künst­le­ri­sche Ver­ant­wor­tung über­nom­men“, unter­streicht Dr. Karl Schnei­der, der Land­rat des HSK, die Bedeu­tung der Aus­stel­lung. „Wir sind sehr stolz, mit Frau Ike­mu­ra jetzt eine Künst­le­rin von sehr hohem inter­na­tio­na­lem Niveau zei­gen zu kön­nen. Die Idee hin­ter dem mit 20 000 Euro dotier­ten Macke-Preis war es, mehr Kunst ins Sau­er­land zu brin­gen, die natio­nal und inter­na­tio­nal bekannt ist, um aus dem Klein-Klein her­aus­zu­kom­men.“

Mit Lei­ko Ike­mu­ra als ers­ter Preis­trä­ge­rin ist das her­vor­ra­gend gelun­gen, denn die Pro­fes­so­rin, die in Ber­lin und Köln lebt, zählt zu den span­nends­ten Künst­ler­per­sön­lich­kei­ten der Gegen­wart — was sich auch in ihrer inter­na­tio­na­len Aus­stel­lungs­tä­tig­keit wider­spie­gelt. Der Kon­takt zum Sau­er­land ist für Lei­ko Ike­mu­ra frucht­bar: „Die Qua­li­tät ist da, in der Arbeit, die hier geleis­tet wird, in der Land­schaft, in den Men­schen. Aber es herrscht eine sym­pa­thi­sche Beschei­den­heit, die ich auch aus Japan ken­ne.“

Wie ein roter Faden

Bestimm­te Moti­ve zie­hen sich wie ein roter Faden durch das Schaf­fen von Lei­ko Ike­mu­ra, das wird in der Aus­stel­lung ein­drucks­voll deut­lich. Hori­zon­te gehö­ren dazu, bei denen die Gren­zen von Him­mel und Was­ser eben­so ver­schwim­men wie die Land­schaf­ten zu See­len­räu­men wer­den, in denen ihre Figu­ren schwe­ben. Wie ent­steht das Leben? Wie funk­tio­niert der Dua­lis­mus von Stil­le, von inne­rer Kon­zen­tra­ti­on und Bewe­gung? Es sind die gro­ßen Fra­gen, die Lei­ko Ike­mu­ra antrei­ben. Das Trans­pa­ren­te, Ent­stoff­lich­te, das ihre Wer­ke aus­zeich­net, ent­steht durch den Umgang mit Far­be und Mate­ri­al: Dünn­flüs­si­ge Far­be wird direkt ohne Vor­zeich­nung auf gro­be Jute auf­ge­tra­gen, durch­tränkt den Stoff, der so ein geheim­nis­vol­les Leuch­ten ent­wi­ckelt.

Als Kunst­pro­fes­so­rin hat Lei­ko Ike­mu­ra schon vie­le erfolg­ver­spre­chen­de Kar­rie­ren ihrer Stu­den­ten beglei­tet. Die Ver­mitt­lung von Kunst ist ihr ein Her­zens­an­lie­gen. „Die Aus­stel­lung fällt in die Zeit des Inter­na­tio­na­len Kunst­som­mers Arns­berg. Lei­ko Ike­mu­ra wird dabei einen Work­shop anbie­ten“, freut sich Muse­ums­di­rek­tor Dr. Jür­gen Schul­te-Hobein, dass die Retro­spek­ti­ve damit gleich­sam über die Räu­me des Muse­ums hin­aus­wächst.

Sau­er­land-Muse­um Arns­berg, 6. Juni bis 27. August. Die Eröff­nung beginnt am Sonn­tag um 11 Uhr.