Heri­bert Fried­land, Preis­trä­ger 1996

Heri­bert Fried­land, gebo­ren 1927 als Heri­bert Glat­zel in Fried­land (Schle­si­en), kam als Schü­ler in den Kriegs­ein­satz, schloss dann eine Aus­bil­dung zum Reli­gi­ons­leh­rer ab und war im Schul­dienst tätig. Seit 1957 ist er frei­schaf­fend, stu­dier­te Male­rei sowie Kunst­ge­schich­te, Phi­lo­so­phie und Neu­tes­ta­ment­li­che Wis­sen­schaf­ten in Stutt­gart. Er ent­warf Kunst am Bau, Fens­ter für Kir­chen, Kera­mik­wän­de für Groß­bau­ten, Beton-Reli­efs für Schu­len. Im Kon­trast zu die­sen groß­flä­chi­gen Arbei­ten ste­hen die post­kar­ten­gro­ßen For­ma­te sei­ner Aqua­rel­le, die er viel­fach in Ein­zel­aus­stel­lun­gen (New York, Lenin­grad, Lon­don) prä­sen­tiert hat. Mit ihrem  von lan­gen Trock­nungs­pha­sen unter­bro­che­nem Enste­hungs­pro­zess kon­ter­ka­riert Fried­land das „Image“ die­ser oft schnell und flüch­tig gefer­tig­ten Bild­gat­tung. Flüch­ti­ge Skiz­zen bil­den für Fried­lands Arbei­ten allen­falls Aus­gangs­punk­te. Sei­ne buch­stäb­lich viel­schich­ti­gen Aqua­rell­ar­bei­ten, zei­gen – an der Gren­zen zum Abs­trak­ten — Früch­te und Blu­men, zumeist aber Land­schaf­ten. Die Ansicht ord­net sich ohne jeden Vor­der­grund, ohne ding­li­che Ver­ein­ze­lung, ohne Umriss­zeich­nung der Gegen­stän­de zum Bild. Farb­spu­ren kreu­zen ein­an­der, Ton­stu­fen und Farb­ges­ten lei­ten den Blick und geben eine Tie­fe frei, in der alles ver­wand­lungs­fä­hig wird, viel­deu­tig auch im Spiel von Hell und Dun­kel: dar­aus ent­steht Form und teilt sich dem Gan­zen mit. Das Bild ist nach Fried­lands Anspruch mehr als blo­ße Infor­ma­ti­on, es ist eine deu­ten­de, im Pro­zeß von Vor­stel­lung sich ent­wi­ckeln­de Ver­stän­di­gung. Der Künst­ler, der u.a. auch 1987 den Lovis-Corinth-Preis erhielt, lebt und arbei­tet in Aich­wald-Aichel­berg und Ess­lin­gen.

Prei­se

1984 Bür­ger­preis der Stadt Mül­heim

1987 Ehren­ga­be des Lovis-Corinth-Prei­ses

1996 August Macke-Preis der Stadt Mesche­de

www.germangalleries.com/Villa_Merkel/index.html
www.esslingen.de

Aus­stel­lun­gen
Ein­zel­aus­stel­lun­gen in zahl­rei­chen Städ­ten. z.B.

1963 New York, Her­der & Her­der

1977
1978
Düs­sel­dorf, Kunstmuseum?Stuttgart, Staats­ga­le­rie

1984 Lon­don, Vic­to­ria and Albert Muse­um

1990 Lenin­grad, Paw­lowsk Palast Muse­um

Heri­bert Fried­land ist viel­sei­tig begabt: er ist Künst­ler, Wis­sen­schaft­ler und Hand­wer­ker. Neben dem Malen von Bil­dern ent­wirft er Fens­ter für Kir­chen und Pro­fan­bau­ten, Kera­mik­wän­de für Groß­bau­ten, aber auch Beton-Reli­efs für Schu­len. Als Künst­ler wur­de Fried­land beson­ders durch sei­ne Aqua­rel­le bekannt. Meist sind die­se in inter­es­san­ten Far­ben gehal­te­nen Meis­ter­wer­ke nicht grö­ßer als Post­kar­ten; viel­leicht sind sie als Gegen­stü­cke zu den groß­flä­chi­gen Ent­wür­fen zu ver­ste­hen.

Die­se bis an die Gren­zen des Abs­trak­ten gehen­den Aqua­rel­le zei­gen Früch­te und Blu­men, meist aber Land­schaf­ten. Fried­lands Bil­der ent­ste­hen im Ate­lier in einem lang anhal­ten­den Pro­zess. Sie bil­den damit einen Kon­trast zu die­ser oft schnell und flüch­tig gefer­tig­ten Bild­gat­tung. Die Ent­wick­lung der Bil­der geht aus von vagen Vor­stel­lun­gen des Künst­lers, flüch­ti­gen Skiz­zen oder Far­bideen. Bei der Fer­tig­stel­lung die­ser klei­nen Wer­ke wird viel Was­ser ver­wen­det, um mit dem Pin­sel mög­lichst sau­be­re Far­ben auf­tra­gen zu kön­nen. Durch Über­ein­an­der­schich­ten der Far­ben (Lasie­ren), durch das Inein­an­der­lau­fen feuch­ter Far­ben, das zufäl­li­ge Ent­ste­hen von Far­ben gewinnt das Bild lang­sam sei­ne end­gül­ti­ge Gestalt. Zeit­lich wird die­ser Pro­zess gestreckt durch die vie­len not­wen­di­gen Trock­nungs­pha­sen zwi­schen auf­ein­an­der fol­gen­den Arbeits­schrit­ten. Erstaun­lich ist Fried­lands Krea­ti­vi­tät, die jedem sei­ner Aqua­rel­le Cha­rak­ter und Unver­wechs­le­bar­keit ver­leiht. Kei­ne Bild­idee ähnelt der eines ande­ren Bil­des; jedes Bild ver­mit­telt neue har­mo­ni­sche Farb­klän­ge und neue Stim­mun­gen.

Zum Tode von Heri­bert Fried­land

Am 3. August 2015 starb Prof. Heri­bert Glat­zel. Als Künst­ler trug er den Namen sei­nes schle­si­schen Geburts­or­tes: Fried­land. Heri­bert Fried­land gehör­te zu den her­aus­ra­gen­den Ver­tre­tern der Aqua­rell­ma­le­rei. 1996 erhielt er den August-Macke-Preis.

Fried­land stu­dier­te Male­rei an der Kunst­aka­de­mie Stutt­gart sowie Kunst­ge­schich­te, Theo­lo­gie und Phi­lo­so­phie an der dor­ti­gen Uni­ver­si­tät. Unweit von der Baden-Würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­haupt­stadt, auf der Burg in Ess­lin­gen am Neckar, hat­te er sein Ate­lier. Von dort ging sei­ne klein­for­ma­ti­ge und tief­schich­ti­ge Male­rei in die Welt hin­aus. Nam­haf­te Muse­en zeig­ten sei­ne Bil­der, dar­un­ter so bedeut­sa­me Insti­tu­tio­nen wie das Vic­to­ria und Albert Muse­um in Lon­don, die Staats­ga­le­rie Stutt­gart, die Neue Pina­ko­thek in Mün­chen oder der Paw­losk Palast in Lenin­grad.

Fried­lands Male­rei wirkt ange­sichts der Hys­te­rie des heu­ti­gen Kunst­mark­tes wie aus der Zeit gefal­len. Statt groß­for­ma­ti­ger, spek­ta­ku­lä­rer Male­rei mit Öl oder Akryll auf Lein­wand wid­me­te er sich dem klei­nen Bild und der fei­nen Tech­nik des Aqua­rells. Sei­ne Arbeit hat­te aber auch eine ganz ande­re Sei­te. Fried­land beschäf­tig­te sich eben­falls mit Kunst im Zusam­men­hang von Archi­tek­tur und gestal­te­te Kir­chen­fens­ter, Kera­mik­wän­de und Beton­re­li­efs.

Die Aqua­rel­le blie­ben jedoch das Herz­stück sei­nes künst­le­ri­schen Schaf­fens. Sie üben eine eigen­tüm­li­che, ja gera­de­zu heil­sa­me Wir­kung auf den Betrach­ter aus. Allent­hal­ben ist unse­re Wahr­neh­mung in der Gegen­warts­kul­tur von Beschleu­ni­gung und ästhe­ti­scher Über­wäl­ti­gung geprägt. Die elek­tro­ni­schen Medi­en haben dar­an zen­tra­len Anteil. Wäh­rend unser Blick hier flüch­tig wird und an den schnell wech­seln­den Ober­flä­chen bleibt, lenkt Heri­bert Fried­land ihn in die Tie­fe eines klei­nen Bild­for­mats. Der Zer­streu­ung stellt er die Samm­lung gegen­über, die Kon­zen­tra­ti­on auf die Minia­tur. Der Blick glei­tet hier nicht ab, son­dern wird hin­ein­ge­zo­gen in ein leben­di­ges Farb­ge­sche­hen, wel­ches sich in Schich­ten aus­brei­tet und eine Tie­fe sug­ge­riert, wo doch eigent­lich ein zwei­di­men­sio­na­les Aqua­rell-Blatt vor­liegt. Dies gelingt Fried­land durch die Trock­nung der ein­zel­nen Farb­auf­trä­ge, bevor er die nächs­ten dar­über­legt. Die Trans­pa­renz der Aqua­rell­far­be erlaubt so lasie­ren­de Farb­mi­schun­gen über­ein­an­der­ge­leg­ter Ebe­nen. Kon­zen­trier­ter auf­ge­tra­gen, ver­fes­ti­gen sich die Farb­spu­ren zu Form­ele­men­ten, die an Blu­men und Früch­te erin­nern, meist aber Ein­drü­cke von Land­schafts­ele­men­ten her­vor­ru­fen. Die­se fein­sin­ni­ge, trans­lu­zi­de Male­rei bewegt sich an der Gren­ze zur Abs­trak­ti­on. Gera­de dadurch, dass sie sich nicht dar­in ver­liert, son­dern die freie Ges­te der Pin­sel­füh­rung mit der Struk­tur­bil­dung der Was­ser­far­be ver­bin­det, Andeu­tun­gen von Din­gen skiz­ziert und sie in eine geschich­te­te Tie­fe des Raums plat­ziert, gera­de dadurch folgt ihr der auf­merk­sa­me Blick im Wech­sel­spiel zwi­schen Wie­der­erken­nen von schein­bar Bekann­tem und Emp­fin­dung der frei­en Wir­kung der Far­be. Die klei­nen gro­ßen Bil­der von Heri­bert Fried­land eröff­nen uns Momen­te der Ver­sun­ken­heit und Kon­tem­pla­ti­on. Als sol­che blei­ben sie uns erhal­ten, als beson­de­re Gegen­bil­der zu einer schnell­le­bi­gen Kul­tur der Spek­ta­kel.

Carl-Peter Busch­küh­le